4. Wie lang ist „kurz“ wirklich?

Mit den zuletzt genannten Empfehlungen zur Verbesserung der Satzgestaltung tut sich jedoch ein nicht unerhebliches Problem auf: Darüber nämlich, wie „lang“ ein für die Verständlichkeit optimal kurzer Satz sein darf, geben sowohl die Verständlichkeitsforschung als auch die Stillehren kaum konkrete Auskunft, allenfalls „unverbindliche“ und nicht immer einheitliche Richtwerte werden angeboten, wie die Tabellen 1 und 2 zeigen:

 

Wörter pro Satz

sehr leicht verständlich

bis 13

leicht verständlich

14-18

Verständlich

19-25

schwer verständlich

25-30

sehr schwer verständlich

31 und mehr Wörter

 

Wörter
pro Satz

Aus wie vielen Wörtern soll ein Satz bestehen?

9

Obergrenze der optimalen Verständlichkeit laut dpa.

7-14

Obergrenze für gesprochene Texte laut Erich Staßner, Sprachwissenschaftler.

10-15

Empfohlene durchschnittliche Satzlänge laut Wilfried Seibicke, Stil-Lehrer.

12

Durchschnittliche Satzlänge in der BILD-Zeitung.

17

Durchschnittliche Satzlänge im Johannes-Evangelium.
Durchschnittliche Satzlänge in den Buddenbrooks (Thomas Mann).

18

Obergrenze der Leichtverständlichkeit laut Ludwig Reiners, Stil-Lehrer.
Durchschnittliche Satzlänge in der Westdeutschen Allgemeinen.

20

Obergrenze des Erwünschten bei dpa.

30

Obergrenze des Erlaubten bei dpa.

31

Durchschnittliche Satzlänge im Dr. Faustus (Thomas Mann).

92

Durchschnittliche Satzlänge im Tod des Vergil (Hermann Broch).

Wenn die Verständlichkeit eines Satzes also wirklich mit abhängig sein soll von der Anzahl seiner Wörter, ist dann jeder Satz, der aus mehr als 25 Wörtern (bei Reiners noch 15 bis maximal 20 Wörtern)1 besteht, zwangsläufig unverständlich – auch wenn er, wie ge­fordert, ohne Passiv oder Negationen, ohne Schachteln oder Nominalisierungen auskommt? Dies darf bezweifelt werden. Zumal bereits gezeigt wurde, dass man spätestens seit Abschluss der Lesbarkeitsforschung über das bloße Auszählen der Wörter pro Satz oder Text hinaus ist. Aber was bleibt dann von der immerhin auch empirisch begründeten Forderung, die eigenen Sätze kürzer zu machen? Der Gedanke, ganze Texte in aus­schließlich kurzen Sätzen zu schreiben, dürfte viele Schreibenden eher abschrecken, besonders weil für sie damit ein sprachästhetisches Problem verbunden ist, mit anderen Worten: Nur kurze Sätze zu schreiben, ist das schön?

Hier will diese Arbeit nun ansetzen und den Versuch unternehmen, für genau dieses Problem eine praktikable Lösung vorzuschlagen – um im Idealfall dem „Problem kurzer Sätze“ ein wenig den Schleier der Pauschalität zu entziehen oder wenigstens: diesen Schleier etwas durchsichtiger zu machen. Um dies zu bewerkstelligen, möchte ich zurückgreifen auf Erkenntnisse des Psychologen Ernst Pöppel, Leiter des Instituts für medizinische Psychologie der Universität München; damit seine Befunde für eine ver­ständlichkeitsförderliche Satzgestaltung fruchtbar gemacht werden können, ist ein kurzer theoretischer Exkurs nötig; anschließend werden wir wieder auf das eigentliche Problem zurückkommen.

 

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1

Vgl. Reiners 1963, S. 95.

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