9. Grammatischer Bösewicht und der Deutschen liebster Feind: der Konjunktiv
Nicht alles ist einfach – in der Sprache nicht und in der deutschen
Sprache schon gar nicht. Dennoch sollte man sich bemühen, überlieferte
Differenzierungen unserer Grammatik zu erhalten! Wir haben einen Genitiv (lesen Sie das bei Bastian Sick ruhig
einmal nach,
wenn Sie wollen), und es besteht kein Grund, ihn abzuschaffen. Das gleiche gilt für unseren Konjunktiv – und davon haben wir
zu allem Übel sogar zwei:
Konjunktiv I (vom Präsens abgeleitet):
er sei, er habe, er komme,... Konjunktiv II (vom Imperfekt abgeleitet):
er wäre, er hätte, er käme,...
1) Funktionen des Konjunktivs I: -
Aufforderung:
man nehme, dem Autor sei Dank,... -
indirekte Rede (siehe unten !)
2) Funktionen des Konjunktivs II: -
Ausdruck der Unmöglichkeit, Unwirklichkeit oder des Nichtvorhandenseins: Irrealis
Beispiel: "Wenn meine Oma Räder hätte,
wäre sie ein Omnibus." -
Ersatzform des Konjunktivs I in der indirekten Rede (siehe unten!) -
für gewöhnlich immer nötig ist er nach als ob
Beispiel: "Sie sah aus, als ob sie die ganze Nacht nicht
geschlafen hätte."
Beispiel: "Sie sah aus, als [...]
hätte sie die ganze Nacht nicht
geschlafen." -
sind die jeweiligen Formen des Konjunktivs II nicht eindeutig (ist die Form des Konjunktivs II also identisch mit der des Indikativ Imperfekts), wird die entsprechende Form von würde mit Infinitiv
gebildet. Statt: "Wir schrieben
die Arbeit lieber nicht am Donnerstag", heißt es:
"Wir würden die Arbeit lieber nicht am Donnerstag
schreiben." -
ebenso üblich und akzeptiert ist würde mit Infinitiv als Ersatz von etwas altertümlich bzw. gespreizt wirkenden Konjunktiv II-Formen. Statt:
"Ich schwömme (auch:
schwämme) schon durch den See, wäre es nicht so kalt", schreibt man besser:
"Ich würde schon durch den See
schwimmen, wäre es nicht so kalt."
3) Zur indirekten Rede: -
Die indirekte Rede soll im Konjunktiv I stehen, sofern dessen Formen eindeutig sind. -
Sind die jeweiligen Formen des Konjunktivs I nicht eindeutig (ist die Form des Konjunktivs I also identisch mit der des Indikativs), wird die entsprechende Form des Konjunktivs II verwendet. Statt:
"Er hat mir ausgerichtet, sie kommen etwas später", heißt es:
"Er hat mir ausgerichtet, sie kämen etwas später." -
Achtung: Kein falscher Gebrauch von Konjunktiv II in indirekter Rede!
"Er sagte, er komme", bedeutet de facto das Gegenteil von:
"Er sagte, er käme." Konjunktiv I: er komme
― er kommt! Konjunktiv II (Irrealis):
er käme ― er kommt nicht! Beispiel:
"Er sagte, er käme zu gern,
wäre seine Frau nicht krank!" Er würde kommen bedeutet dasselbe wie
er käme ― nämlich: er kommt nicht!
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