|
Was Sie in der
Schule nicht gelernt haben
Wenn Ihnen nicht zu lesen gefällt, was ein anderer für Sie geschrieben hat –
wer ist dann Schuld? Sie, der Leser? Oder der Schreiber? Wenn Sie sich über
den unverständlich formulierten Brief einer Behörde ärgern, eine Gebrauchsanweisung
nicht verstehen, einen Roman gelangweilt zu Seite legen – sollen Sie dann
dazulernen oder der Mensch, der das geschrieben hat?
Natürlich muss jeder lesen lernen, das heißt: nicht nur während der
ersten Schuljahre die grundlegende Schreib- und Lesekompetenz
erwerben, sondern auch die Fähigkeit, mit Texten kompetent umzugehen, selbst
mit solchen, die einige Ansprüche an das Mitdenken stellen. Und genau das
betrachten Deutschlehrer offenbar als ihre zentrale und meist auch einzige
Aufgabe: Alles, was viele von uns (mich eingeschlossen!) während ihres
gesamten Deutschunterrichts gelernt haben,
war, schwierige Texte so oft zu lesen und so hartnäckig zu analysieren
und/oder zu interpretieren, bis man vorgeben konnte, sie verstanden zu haben (oder auch nicht).
Allein, dagegen spricht freilich nichts, hätte man, wozu zweifellos Anlass
besteht, auch das Umgekehrte gelernt: die Technik nämlich, wie man einen Text
schreibt, den der, für den er gedacht ist, mühelos verstehen kann und mit
Vergnügen, also gerne
liest; die Technik also, wie man verständliches, angenehmes und anregendes –
kurz: gutes Deutsch schreibt.
Eine Selbstverständlichkeit, die gar keine ist!
Schreiben ist ein sensibles Thema. Wir betrachten Lesen und Schreiben als
Schlüsselkompetenzen, als Fähigkeiten, die jeder von uns in der Schule gelernt hat. Wer Grammatik und
Rechtschreibung einigermaßen (!) beherrscht, meint deshalb oft wie
selbstverständlich, dass er auch gut schreibt bzw. schreiben kann. Wenn Sie so jemanden
sodann
darauf hinweisen, dass seine Texte schlecht und umständlich geschrieben, schwer verständlich
und langweilig sind, reagieren die meisten für gewöhnlich schwer beleidigt. Auf den Fuß folgt eine Frage wie diese vielleicht: "Willst du vielleicht behaupten,
dass ich nicht schreiben kann?" Und wäre da nicht dieses gefährliche Funkeln
in den Augen, man würde antworten: "Ehrlich gesagt, ja! Genau genommen, kannst
du es nämlich nicht, jedenfalls nicht besonders gut!" Aber wer traut sich das
schon zu sagen?
Dabei: man muss kein Genie sein, um gut zu schreiben – und Zauberei ist es auch
nicht. Man kann es lernen wie ein Handwerk, und lernen wird es nur,
wer übt, übt, übt. Texte sind selten perfekt, bei der ersten Niederschrift
sowieso nicht, lassen Sie sich das bloß von niemandem einreden! Außerdem geht es bei Stilfragen
in der Regel nicht um "richtig" oder
"falsch", sondern vielmehr um "gut, besser, hervorragend" oder "Das kann
echt kein Schwein lesen!". Stilistische Perfektion findet man, wie Perfektion
grundsätzlich, ziemlich selten
– und Sie selbst werden sie wahrscheinlich genauso wenig auf Anhieb erreichen
(wenn überhaupt!) wie ich oder sonst jemand. Man bewältigt eventuell aufkommende Frustration
daher leichter,
wenn man sich von vornherein klar macht, dass es eigentlich immer nur um eine
stete Annäherung geht, mit dem Ziel,
der Perfektion mit jedem neuen Text ein wenig näher zu kommen.
Glauben Sie
mir: selbst ein nur
annähernd guter Text ist immer besser als ein blindlings verzapfter,
schlecht geschriebener Text. Und davon gibt es leider viel zu viele!
Ist guter Stil überhaupt lehr- und lernbar? Die Antwort ist: ja, definitiv!
Es kann nicht verwundern, dass besonders wir Deutschen, als Weltmeister im
Erfinden von Bedenken aller Art, mit schöner Regelmäßigkeit Zweifel daran
äußern, ob gerade so etwas Kreatives wie Sprachstil (und dessen vorteilhafte
Nutzung im Besonderen) in das Korsett lehrmeisterhafter Regeln gezwängt werden
kann und/oder darf. Kurzum: kann es so etwas wie eine Anleitung zu wirklich gutem
Deutsch überhaupt geben? Ist Stil nicht etwas Einzigartiges, etwas
Individuelles, immer anders, jedes Mal besonders – und nur dann und deshalb
als Stil zu bezeichnen?
Gewiss, bis zu einem gewissen Punkt ist das zweifellos so. Andererseits, und
das bitte ich zu bedenken, hat es über die
wesentlichen Kriterien guten Stils unter allen deutschen Stillehrern der
letzten zweihundert Jahre überhaupt keine Meinungsverschiedenheiten gegeben –
selbst international (!) herrscht über die Grundsätze des guten Schreibens Einigkeit.
Wäre es daher nicht töricht, diese Grundsätze nicht wenigstens zu kennen, die
man einzuhalten angehalten wird? Danach ließe sich freilich immer noch entscheiden,
ob man sich nun nach ihnen richten oder sie ignorieren möchte –
mit dem Unterschied, dass man eine solche Entscheidung nun bewusst treffen
könnte.
Was wir hier versuchen wollen
Alle anderen, die offen sind und neugierig, wie man seinen Schreibstil
grundlegend und nachhaltig verbessern kann, die werden, so meine ich, hier fürs Erste gut bedient
sein. Einschränkend möchte ich allerdings Folgendes hinzufügen: Was Sie hier von mir zusammengefasst
vorfinden werden, ist freilich nur
die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs und kann niemals als vollständig
gelten – diesen Anspruch erheben wir erst gar nicht. Verstehen Sie es als ein erstes interessiertes Kratzen an der
Oberfläche; für alles, was darunter liegt, seien Sie auf die von mir
empfohlene Literatur verwiesen: Dort werden Sie all das Theoretische finden, auf das
ich verzichtet habe, um Platz für das Praktische zu schaffen.
Die hier zusammengestellten Regeln, ich nenne sie eigentlich lieber
"Prinzipien" oder "Grundsätze", werden Ihnen in ihrer Gesamtheit, da bin ich zuversichtlich, als verlässliche Richtschnur dienen – verbindlich indes sind sie natürlich nicht, zumal jede Regel, wie Sie
sicher wissen, zu jeder Zeit auch nach ihren Ausnahmen verlangt. Es gibt eine interessante These,
die besagt sogar, dass gutes Deutsch gar
nicht durch die strikte Einhaltung aller Stilregeln erreicht werde – sondern
dadurch, dass man diese Regeln in den richtigen Momenten missachte, wobei
freilich vage bleibt, wie man die "richtigen Momente" denn als solche
erkennt? Den "richtigen Moment" erkennt wahrscheinlich, wer über ein gutes
Sprachgefühl verfügt – und über ein gutes Sprachgefühl verfügt nur, wer hart
und unerbittlich an seinem Schreibstil feilt. Sie sehen: wir sind auf jeden
Fall auf dem richtigen Weg!
Im Übrigen liegt die Gefahr einer echten Stilsünde häufig aber
auch gar nicht in der Art des Vergehens, sondern vielmehr, davon bin ich
überzeugt, in der Häufigkeit: Im Grunde
können Sie also gegen (fast) alle Empfehlungen, guten Stil betreffend, verstoßen,
solange Sie es bewusst tun, also begründet – und vor allem nur ausnahmsweise,
also selten!
Daher, um es mit Schopenhauer zu halten, ergreife jeder Wohlgesinnte und
Einsichtige mit mir Partei für die deutsche Sprache und gegen die deutsche
Dummheit. Es ist Zeit, dass Sie sich als Schreiber wieder quälen, damit es
Ihre Leser nicht tun müssen.
Niemand sagt, dass es einfach
ist... das ist es nicht!
Mannheim, im August 2008 |